Mittwoch, 29. April 2009

Sex and the Mensa

Heute Mittag gab es bei mir einfallsreiche Nudeln mit Fertigsoße. Eine recht traurige Angelegenheit der Nahrungsaufnahme. Ich muss daher einmal ein offizielles Hochwort auf die hiesige Mensa in meiner Stadt loswerden, denn ich muss ja unumwunden zugeben, dass eine Woche ohne Mensa irgendwie löcherig und absolut unvollständig erscheint.
Sogar an meinen ersten Mensabesuch kann ich mich noch gut erinnern – er fand im Rahmen einer Einführungsveranstaltung für Erstis statt. Mein Tutor war ein ältlich wirkender, eher zurückhaltender Jurastudent älteren Semesters, dem die zwei Herdplatten und der kalkige Wasserkocher im 1-Zimmer-Studentenappartement durchaus ins Gesicht geschrieben stand. Ich hatte gleich die Assoziation des Alt-68ers, der anlässlich der kollektiven Mensaabspeisung auch beim Essen den Sozialstaat diskutieren muss. War zum Glück nicht so, der hat einfach seine Mahlzeit genossen: Für diesen Studenten war der Mensamittag eine Institution, ein Ruhepol und eine ganz natürliche Angelegenheit bei der man sich entspannen kann. Eine für mich damals noch absolut nicht nachvollziehbare Einstellung: Es gab zwar eine ganz ordentliche Pizza - aber ich fand es schrecklich, mit lauter mir völlig unbekannten Menschen zu essen. Essen hatte damals für mich auch noch irgendwie etwas furchtbar intimes, sodass ich es vor allem ungern in der Öffentlichkeit zelebrierte.
Dabei ist allein essen ja wirklich eine unglaublich traurige Angelegenheit: Pure Nahrungsaufnahme, kein Schwätzchen, keine Gerüchte über den Gerichten, kein freundliches „Guten Appetit“ von gegenüber. Beim Alleinessen möchte ich mich immer am liebsten an einer Gräte verschlucken und sterben...
Wie so vieles im Laufe des Studentenlebens hat sich daher auch meine Einstellung zur Mensa gründlich geändert: Statt allein den Hungertod zu sterben, ging ich eben auch mensen. (Lag vielleicht an meinen zwei Herdplatten und dem kalkigen Wasserkocher). Zuerst mal sporadisch, wenn es sich ergab (bei einem dieser Besuche lernte ich z. B., dass man besser kein „Hirschgulasch“ vor Strafrechtsklausuren isst), dann sogar recht regelmäßig mit Franzi - immer Burse. (Obwohl es dieselbe Küche ist, nur die Teller neuer, die Tabletts anders geformt und das Essen allein aus diesem Grund wesentlich teurer...) Mit Mia: Eher Mensa, manchmal Burse. Ganz nach Geschmack. Mensa nach dem Repetitorium: Mit einigen Damen aus dem Kurs, die regelmäßig nur kleine Salate aßen und dazu ein Schälchen Pommes oder Kartoffeln, und meistens nach der Hälfte des Essens an der unglaublichen Fülle verzweifelten und das meiste mit einem „Ich - kann - nicht - mehr - ich - bin - ja - sooo - satt“ (Wie bitte??? Wovon denn?!) liegen ließen. Mensa mit essgestörten Frauen ist deprimierend, weil man irgendwie was sagen will, aber weiß, dass man nicht helfen kann.
Ansonsten waren es seltene, aber echte Schocker, auch mal allein die Mensa aufzusuchen, etwa in der Studentenjob-Mittagspause. Das war sogar manchmal ziemlich schrecklich... einmal erspähte ich flüchtige Bekannte, bei denen ich mich dazu setzte – sozusagen in der Rolle des sozialen Outsiders, der keine schnöde Mensaverabredung auf die Reihe bekommt. Ganz schlimm. Danach habe ich mich entweder hinter einer Zeitung verschanzt oder mich allein überhaupt nicht mehr allein ins Studentenhaus getraut.
Viel entspannter sind meine jetzigen Mensabesuche: Entweder mit Manfred und seiner Gang. Oder Mensa mit Schlawinski und Karin. Ganz groß: Mensa mit Phil und Sarah, ohne die ich bestimmt schon referendariatsbedingt verhungert wäre – oder aber bereits hunderte von Kilos wiegen würde, weil ich mittags immer Schokolade und Kekse essen müsste. Mensa ist „Sex and the City“ light: Zwischen Salat, Matschegriesbrei, Reis mit Soße, Spaghetti und immer wieder mal „Panzerotti“, den grandiosen Mensapommes und einem Kaffee zum Nachtisch wird erzählt, wer wieder was getrieben hat, was der Umzug macht, welche neuen Klamotten gekauft wurden, wie man mit Übergepäck durch die Flugkontrolle kommt und der Sexappeal von Colin Firth (HOCH!) diskutiert.
Ich bin überascht, dass ich nie mit einem vollen Tablett die Treppe runtergefallen oder damit ausgerutscht bin (obwohl man solche Geschichten von anderen Leuten ja immer mal wieder hört). Das wäre mit Abstand das peinlichste und zugleich lustigste, was man sich in Sachen Mensa um eins leisten kann.
Mensa ist so eine Institution, die das Gemeinschaftsgefühl stärkt, für Zufriedenheit sorgt und einfach gut tut. Viele viele Leute, viel viel Essen und fast immer irgendwo ein bekanntes Gesicht. Dazu passend die vielen heiß diskutierten Themen, die einem manchmal sogar das ohnehin oft lauwarme Essen kalt werden ließen. Eben „Sex and the Mensa“. Daraus sollte mal einer ein Buch oder einen Film machen. – Nein, lieber keinen Film, da würde ja dauernd gegessen - was für eine schreckliche Vorstellung!

Die persönliche Hitliste meiner Mensabesuche sieht etwa folgendermaßen aus:
10- Mensa mit Pommes
9- Mensa und es gibt SchniPo
8- Mensa draußen und mit Pommes
7- Mensa draußen, Pommes und zum Nachtisch Eis (Nogger) aus dem Automaten
6- Burse mit Franzi (immer eine Augenweide, und angestarrt werden wir dann beide ;-)!)
5- Mensa mit Frank, ohne den essen ja eigentlich gar keinen Spaß macht
4- Burse mit Karin und Schlawinski – Karin bekommt mindestens einen Lachanfall.
3- Mensa mit Phil – Fechtgeschichten!
2- Mensa mit Phil und Sarah – ALLE Geschichten, inklusive dem Bericht über die geheimen Kosenamen der Freundinnen von gemeinsamen Bekannten
1 - Es gibt Vanillepudding... Egal wie, sogar allein großartig. Unangefochtene Spitze!

Donnerstag, 23. April 2009

Gelesen: Heinz Strunk - Fleisch ist mein Gemüse

Heinz ist 22, wurde aus der Bundeswehr nach Hause entlassen, hat keinen Job, keine großartig erwähneswerten Motivationen und sein Leben ist ziemlich frauenarm. Außerdem hat Heinz außerirdisch furchtbare Akne, hat seit Jahren die Sonne nicht gesehen und wohnt in Hamburg-Harburg. Kurzum: Heinz ist führt eine ziemlich glücklose Existenz und versteht auch, dass dem Leser mit dem leicht sarkastischen Humor des Versagers vor Augen zu führen.
Heinz ist aber Musiker und spielt Saxophon, und das verschafft ihm immerhin ein Engagement bei „Tiffanys“ (nicht den Tiffanies) als fünfter Mann. Und hier, liebe Leute, wird das Buch für jede deutsche Landratte aus Schützenfestbreiten ein wahres Erlebnis von zeitreisender Komik, dass man es als Ex-Landbewohner, Stadt-Eingebürgerter oder auch Noch-Städter einfach gelesen haben muss: Zwischen schlechtem Dorfgasthausessen, dem schrägen Gesang des Bandchefs Gurki, pinken Paulchen-Panther-Sakkos und „Gut-Schuss“-Bejubelungen der bemusizierten Schützenkönige sucht sich Heinz, der für mich ab heute unangefochtene König der goldenen Klarinette, den Weg zu unnahbaren Dorfschönheiten, lernt die beruhigende Wirkung des Alkohols kennen und fristet sein freudloses Tanzmusikerleben auf der untersten Stufe der Hühnerleiter des Musikererfolgs.
Wer dieses Buch gelesen hat, muss nicht mehr auf ein Schützenfest gehen – der weiß, wie´s läuft! Heinz Strunk spricht mir bei der Beschreibung der Dorfszenarien sogar so aus der Seele, dass ich mich augenblicklich ins Sauerland katapuliert fühle und wieder 17 bin, dass ich laut „Auf die Vogelwiese ging der Hans“ singen möchte und ich von Nostalgie überschwemmt heulen könnte.
Ein Buch, das bei herrlichster Situationskomik auch nicht versäumt, mit melancholischen Strecken den Ernst und die Tragik der Existenz in Erinnerung zu rufen und dabei trotzdem stets dran erinnert: Immer irgendwie weitermachen, dann folgt am Ende auch die verdiente Versöhung mit sich und der Welt.
Ist das Leben nicht irgendwie schön?

"Fleisch ist mein Gemüse" von Heinz Strunk erschien 2004 und wurde 2008 fürs Kino auf die Leinwand gebracht. Der Film ist jedoch eine echte Enttäuschung, kommt er doch nicht nur nicht an die literarische Vorlage heran, sondern erzählt die Geschichte auch ganz anders.
Deshalb: Unbedingt das Buch lesen - und NUR das Buch lesen! Ein Jammer, dass ich das nicht eher entdeckt habe.

Dienstag, 21. April 2009

Aus gegebenem Anlass: Küchenparties

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Aus den naiven Leichtsinnsplänen, ab halb zehn meine Wohnung bei der alljährlichen und von den Nachbarn wahrscheinlich zutiefst verachteten Geburtstagsfeier gemeinschaftlich zu verlassen, um in der Stadt noch ein paar alkoholische Kaltgetränke zu sich zu nehmen, ist nichts geworden. Das lag einerseits am strömenden Regen, andererseits an der doch recht gemütlichen Wohnung. Immerhin wurde die Party, die hier traditionell und sowieso von Anfang an in der Küche stattfindet, durch einen mal ganz neuen Sitzkreisel im Wohnzimmer ergänzt. Ich war fast ein bißchen erstaunt, denn mein Wohnzimmer haben bisher nur die Raucher für ein Schwätzchen am Fenster jemals aufgesucht, und es existiert kein einziges Feierfoto, das nicht auch die Spüle, den Herd oder zumindest den Kühlschrank oder einen Toaster zeigt... Bei meiner Küche kommt erschwerend hinzu, dass sie immerhin der gemütlichste Raum ist und außerdem das nachbarverträglichste Partyzimmer.
Schließlich sind Küchenparties aber auch einfach das beste: Der Kühlschrank ist nahe, manchmal gibt es dort Essen, alle stehen dicht gedrängt beieinander und im Regelfall gibt es keine nervige Stereoanlage, die Unterhaltungen stören könnte. Die Küche ist der gefürchtete Ort der harten Alkoholika, die Start- und Endlandebahn sämtlicher Flirtangriffe und letztlich der Dreh- und Angelpunkt jeder Wohnungsparty. Ich erinnere mich an Evas Auszugsparty, bei der ich mit der Black Pearl auftauchte und demzufolge nichts trinken dufte. In der Küche schaffte es dafür jemand, mir so viel Tequila über das T-Shirt zu schütten, dass ich mich auf Grund der Dunstwolke kaum in mein geliebtes Auto traute – wenn das ein Polizist gerochen hätte, wäre hätte er wahrscheinlich bei der ersten Nase davon eine Alkoholvergiftung bekommen und ich lebenslanges Fahrverbot mit tausend Flensburgpunkten. In nächtlichen Partyküchen sind wir alle schon auf klapprigen IKEA-Stühlen eingenickt, haben Liebeserklärungen bekommen und waghalsige Gerichte zu nachtschlafener Stunde mit Resten aus dem Kühlschrank gezaubert. Ein Bekannter hat es sogar mal geschafft, das für den Jagdhund des Hausherrn zum Abrichten vorübergehend im Eisschrank gelagerte tiefgekühlte Wiesel in Coca Cola (!) anzubraten. (Bei dieser Episode war ich leider nicht anwesend, aber die Geschichte kursiert nach wie vor und erscheint tatsächlich glaubwürdig). In meiner Küche kannte ich nach einer feucht fröhlichen Theaterpremiere mal die Hälfte der mitgekommenen Gäste kaum bis gar nicht - aber in Küchen kommt man sich ja schnell näher. In Küchen geht man außerdem Eier braten, nachdem auch der letzte wankende Gast aus der
Schützenhalle gekehrt wurde, in Küchen darf man auch mal auf dem Schoß vom irgendwem sitzen, weil auf der Anrichte kein Platz mehr ist, und in Küchen lässt man den Morgen kommen.
Am Morgen nach meinem Geburtstag roch es in meiner Küche verdächtig nach einer größeren Menge abgefackeltem tschechischen Absinth, und aus dem Eisfach kam mir der gefrorene Sekt entgegen. Ansonsten waren die Besucher brav wie noch nie gewesen. Hach, ist das schön – mein letzter Geburtstag in den heimischen Gefilden der Sanderau.

Dienstag, 14. April 2009

Oh, Du schönes Sauerland II - Schützenhallenparties

Am Sonntag habe ich dank der Kneipentour am Samstag auch einen recht üblen Kater, den ich mit einem Schläfchen in der Sonne auskuriere. Schließlich habe ich abends ja auch schon wieder was vor: Osterhasenball in der Oeventroper Schützenhalle, und davor gibt es ein Vorglühen bei meinen Cousinen. Natürlich nehme ich mir vor, nach den Exzessen des vorherigen Abends heute mal lieber das Auto selbst mitzunehmen und diesmal nur Cola zu trinken.
Das werfe ich allerdings schon um 21.00 Uhr über den Haufen: Bei den Cousinchen ist außer mir niemand, der nichts trinkt, und außerdem falle ich in der Alterklasse 17 bis 23 ohnehin schon genug auf. Klarer Fall von Gruppenzwang und ich ergebe mich demütigst. Es folgt deshalb die spontane Erkenntnis, dass es besser ist, an so einem Abend im Sauerland beim Osterhasenball lieber nicht auf Alkohol zu verzichten und stattdessen bei Oma zu übernachten. Ich hole also noch schnell den Schlüssel: Ein riesiger Anhänger ist da dran mit dem Schriftzug „Beste Oma“. Ich fasse das mal lieber nicht als schicksalhafte Anspielung auf die Altersdurchschnittssprengung beim Vorglühen auf und lande dann, fast wie geplant! - bei Bacardi-Cola. Ab elf geht es zur Schützenhalle, wo schon die Party in vollem Gange ist.
Schützenhallenparties im Sauerland kann sich ein Nichtsauerländer ungefähr so vorstellen: Bei viel zu lauter Musik feiern eine große Menge Sauerländer von etwa 14 bis 40 unter den Schriftzügen „Glaube – Sitte – Heimat“, „Ferienort XY“ und einer Menge bunter Flaggen und Fahnen, die das Dorfwappen zeigen, eine Party unter den Scheinwerfern einer großen Lichtanlage. Es wird sehr viel Pils konsumiert, manchmal auch Fanta-Korn und von den 14 bis 15jährigen auf dem Klo oder draußen vor dem Eingang „Kleiner Feigling“ getrunken. Eigentlich müssen alle unter 18 von der Security um 24.00 Uhr rausgeschmissen werden. Aber weil das meistens die jungen oder jung gebliebenen Onkels und Tanten von den 14 bis 17jährigen sind und das sowieso alles keinen interessiert, wird natürlich niemand rausgeworfen sondern höchstens die Kiddies, die sich aus Versehen vor der Halle übergeben müssen, ins Taxi nach Hause gesetzt. (Schlimmstenfalls werden ihre Eltern angerufen. ) Ganz ehrlich: Schützenhallenparties sind großartig, und weil sie nur dreimal im Jahr oder so stattfinden, freut man sich immer schon monatelang drauf – vorausgesetzt natürlich, man ist höchstens 18.
Ich bin bei diesen Vorkenntnissen aber trotzdem erstaunt, so viele bekannte Gesichter zu sehen und das eine oder andere große Hallo ist auf jeden Fall garantiert, vor allem weil ich noch mit Iry und Gurke verabredet bin und beide in dem Gewusel auch tatsächlich finde.
Außerdem sehe ich zufällig Marc, in den ich mit 14 unglaublich verschossen war. Es ist eine sehr beruhigende Erkenntnis, dass meine erste große Liebe (ohlala!) - von der eben dieser Herr natürlich nie etwas wusste - immer noch verdammt gut ausieht! Kaum zu fassen, immerhin war ich da erst 14 und mit 14 kann einen doch schon mal die eine oder andere Geschmacksverirrung ereilen. Ich klopfe meinem 14jährigen Ich in Gedanken selbst auf die Schulter. Um vier Uhr früh, als sich die Halle schon weitgehend geleert hat, meine Schuhe aussehen wie in Bier gebadet und ich nach ziemlich vielen Umdrehungen auf der Tanzfläche auch mindestens so viele Umdrehungen zu viel im Blut habe, ergattern wir ein Taxi und ich entschwebe kurz darauf bei Oma und Opa im Gästebett ins Reich der Träume. Echt: Wie in alten Zeiten!!! Und ich bekomme auch diesmal morgens Spiegeleier und Brötchen...herrlich.
So ist das also im Sauerland. Zurück in Wü verblasst das alles immer ganz schnell und es reiht sich ein in eine Menge Erlebnisse vor der Studienzeit, als wäre es nicht am letzten Wochende gewesen, sondern irgendwann vor 10 Jahren. Trotzdem: Zweimal im Jahr braucht ein Sauerländer das irgendwie, und ich merke dann immer, dass ich doch immer noch ein bißchen Sauerländer bin. Gut zu wissen... -manches gibt es halt auch nur im Sauerland!

Oh, Du schönes Sauerland I - Kneipenbummel


Das Osterwochenende habe ich in diesem Jahr mal wieder daheim bei meinen lieben Eltern und der Oma verbracht. Bei traumhaftem Wetter und leckerem Osteressen habe ich festgestellt, dass das Sauerland mich immer wieder dazu treibt, uralte Verhaltensmuster aufzunehmen und plötzlich wieder das Gefühl zu haben, als sei ich nie woanders hingezogen. Ganz im Gegenteil: Sobald ich von der Autobahn komme, bin ich plötzlich wieder 19 und sage mindestens 100 Mal am Tag „Woll“, und benutze Ausdrücke wie „wollze mitfahn“, „hömma“ oder „jau“... Aber schön ist es im Sauerland, besonders im Frühjahr.
Am Samstag treffe ich mich mit Besch und ihrem Freund. Darauf habe ich mich eigentlich am meisten gefreut, denn wir haben uns mindestens seit ihrem Umzug in den hohen Norden nicht mehr gesehen, und das ist eine ganz schön lange Zeit her. Da das gebührend gefeiert werden muss, beschließen wir, es zu machen, wie in alten Zeiten vor dem Erwerb des Führerscheins (kaum vorstellbar, aber es gab tatsächlich mal Zeiten, in denen ich nicht Auto fahren konnte!!!): Wir lassen uns von ihrem Papa hinbringen und von meinen Eltern abholen. In Arnsberg hat sich zum Glück überhaupt nichts verändert und nachdem wir die ersten Abifreunde gesichtet und ihnen Hallo gesagt haben, lassen wir es uns beim Kilkenny und Guinness gutgehen. Wir sitzen auf dem Steinweg vor dem Irish Pub und erzählen Rebeccas Freund die guten alten Geschichten aus der Schule – womit dann auch klar wird, dass wir gerne Lehrer gequält haben, und insbesondere Französich-Stunden bei uns ziemlich unberechenbar waren...
Schließlich kommt es wie es kommen muss: der unvermeidliche Abstecher in den Husemann Keller, wo wir schon lange vor dem Abi Karneval gefeiert, Billard gespielt und die ersten Wochenende-Räusche erlebt haben. Beim Wirt Reiner, wo die Welt irgendwie stehen geblieben ist und es DAB gibt, der sich irgendwie überhaupt nicht verändert hat, außer dass er noch ein bißchen blasser um die Nasenspitze ist als vor ein paar Jahren. Überall im Keller sind eddinggeschriebene Schriftzüge mit Gedichten, Nonsens und Grüßen an der Wand, und ich überlege, wo wir uns eigentlich verewigt haben. Ich kann uns zwar nicht mehr finden, aber irgendwo müssen wir aber sein: Gestrichen worden ist seit damals jedenfalls nicht...
Schließlich kommt die Zeit, zu der meine liebe Mama uns abholen will - und ich fühle mich schlagartig wieder wie mit 17: Vorm Husemann stehen, auf Mama warten und dann im Auto versuchen, einen möglichst guten – vor allem nüchternen – Eindruck zu machen. Es gelingt leidlich, also eigentlich gar nicht. Aber ich genieße das Privileg, dass es mittlerweile überhaupt nicht mehr schlimm ist. Ich glaube, es muss im Gegenteil ziemlich lustig gewesen sein, uns zuzuhören - aber es bestand nach Jahren der Erfahrung mit dem einen oder anderen alkoholischen Kaltgetränk auch keine Sorge mehr, es könnte einem von uns schlecht werden. Zum Glück ist mir sowas auch früher nie passiert, und heute weiß ich, wie beruhigend das auf den Fahrer wirkt.

Donnerstag, 9. April 2009

Geschenke kaufen

Gestern beim Geburtstagsgeschenk-Einkaufsbummel...



Ich danke dem holländischen Blumenhändler (und hoffe, dass er Kaffee mag...!), Butler`s Kuriositätenkabinett und natürlich Caro ;-)

Mittwoch, 8. April 2009

Aus gegebenem Anlass: Liebe Lehrer....

...es ist soweit: Nach den Amokläufen in Schulen und absoluter Fassungslosigkeit im Lehrsektor können endlich auch mal Juristen Gedenkminuten einlegen und sich fragen, wohin das alles noch führen soll. Bei einem Erbschaftsstreit vor dem Landgericht Landshut hat ein 60jähriger Herr in der Sitzungspause seine Schwägerin erschossen und anschließend sich selbst getötet. Zwei weitere Prozessbeteiligte wurden von Schüssen schwer verletzt. Im Landgericht erfolgt genauso wie in Schulen bisher keine Waffenkontrolle, weil man immerhin noch den meisten Bundesbürgern zutraut, sich nicht völlig abnormal zu verhalten. Dieses Grundvertrauen dürfte dann wohl grundlegend erschüttert worden sein. Schade, dass man den Schützen nicht mehr bestrafen kann - der hat es sich ja mit seinem eigenen Scheiden recht einfach gemacht. Aber das wäre wohl das einzige, was die demnächst vielleicht folgenden Nachahmer abschrecken könnte – schließlich ist die Möglichkeit, einfach die Waffe zu zücken, jetzt in den Köpfen festgefroren und kann jederzeit, wenn es einem Mitbürger mal zu bunt wird im Staate Deutschland, aufgetaut werden: Wenn einem alles auf die Nerven geht, betreibt man einfach mal ein bißchen Selbstjustiz und gibt allen endlich das, was sie verdient haben. Und wenn da ein paar im Weg stehen, die mit der Sache gar nichts zu tun haben, sind wir großzügig im Schussgebrauch – schließlich geht es hier um die persönliche Rache und nicht darum, sich ein gewisses Schamgefühl zu bewahren, welches den normal Denkenden vor derartigen Taten abhalten könnte.


Immerhin eines hat dieser Sachverhalt aber, was den Verdacht des sinnlosen Amoklaufs wohl ausmerzen dürfte: Wir können wahrscheinlich ausnahmsweise mal nicht Resident Evil, Doom oder Counterstrike verantwortlich machen. Deshalb wird der Sachverhalt wohl auch eher stiefmütterlich behandelt werden, und die Medien schnell das Interesse verlieren: Juristen müssen halt damit leben, dass Irre auf sie losgelassen werden.

Ganz ehrlich, man sollte langsam daran denken, den „Schlechterziehungstatbestand“ in das StGB einzufügen: Damit könnte man zumindest Eltern für ihre missratenen Kinder (seien sie 60 oder 14) heranziehen. Deshalb: Liebe Lehrer, Ihr seid keinesfalls allein.

Dienstag, 7. April 2009

Was ist eigentlich mit ... Udo Lindenberg?

Heute, nach einem Tag voller Arbeitsrecht, mache ich das Fenster auf und mir kommt der Udo in den Sinn, von dem man ja bis zum letzten Jahr eine ganze Weile nichts gehört hatte.
Udo Lindenberg bringe ich unvermeidlich mit den Achtzigern in Zusammenhang, meinem absoluten Hassjahrzehnt der Leggins, Schulterpolster und Neonoveralls in Übergröße. Ich bin auch tendentiell etwas skeptisch, wenn ein Künstler gleichzeitig singt, Bücher herausbringt und nebenher noch Bilder etwa zum Thema „Pimmelköppe“ oder „Panikmetropolen“ malt. Außerdem fällt mir bei Udo immer folgende Liste aus den „Sexuellen Phantasien der Kohlmeise“ ein - Wovor sich Kinder fürchten:

10. Atomkrieg (48%)
9. Spinat (49%)
8. Pickel (52%)
7. Türsteher; Krokodil (54%)
6. Frisör (58%)
5. Gestrecktes "Ecstasy" (65%)
4. klassische Musik (72%)
3. daß sich im Kino so'n langer Kerl genau vor einen hinsetzt! (77%)
2. Markenpiraterie (gefälschtes H&M®, Menthos®, Techno®) (83%)
1. vor dem, was Udo Lindenberg unter dem Hut hat (86%)

Zu Weihnachten schenkte ich meinem Liebsten trotzdem das Lindenberg-Album aus 2008, und eigentlich war dieses Geschenk ein Akt der reinen Nächstenliebe: Der Liebste hatte schon mehrfach gesagt, dass er den Udo ganz cool finde – und ich dachte mir zunächst, dass diese Geschenkidee nicht realisierbar sei – schließlich hieße das ja, dass ich möglicherweise gezwungen sein würde, diese CD mit anzuhören...
Schließlich ließ ich mich mangels besserer Einfälle und wegen nachhaltiger Udo -Lobeshymnen dennoch breitschlagen und kaufte das Album, um es unter dem Christbaum zu legen. Die Überraschung am heiligen Abend war groß, als wir das Album dann tatsächlich in den CD-Player schoben und es überraschend gut war. Insbesondere der Song Nr. 8, „Chubby Checker“, zusammen mit Helge Schneider hatte es mir gleich angetan und ich musste ihn dreimal hintereinander hören.
Und dann heute, dieser Blick auf den blauen Himmel mit ein paar sahneklecksigen Frühlingswolken als Dekoration, da fiel mir der Udo ein und ich warf die CD ein und hörte:

„Als ich noch ein junger Mann war,
saß ich locker irgendwann da,
auf der Wiese vor’m Hotel Kempinski,
Trommelstöcke in der Tasche,
in der Hand ne Cognacflasche,
und ein Autogramm von Klaus Kinski
Guckte hoch aufs weiße Schloss,
oder malochen bei Blohm& Voss,
Nee irgendwie, das war doch klar,
irgendwann da wohn ich da,
In der Präsidentensuite,
wos nicht reinregnet und nicht zieht,
und was bestell ich dann?
Dosenbier und Kaviar..."

Und ich dachte: Rockopa Udo Lindenberg ist ja doch irgendwie in Ordnung. Eben auf seine Art - aber der Autofahrt-Soundtrack für dieses Frühjahr ist hiermit einwandfrei klar.

Sonntag, 5. April 2009

Frühlingsliebwirren

Frühling ist ja so wunderschön... aber er macht auch auch ganz schön wirr im Kopf.
Das sieht man in dieser Stadt bei jeder Fahrt mit dem Fahrrad oder auch mit dem Auto und sogar zu Fuß: Überall auf den Straßen alles voller plattgefahrener Tiere! Süße Igelchen, Frösche, andere kleine bepelzte Kameraden, putzige Vögelchen und sogar eine Taube, von der Straßenbahn überrollt und in den Schienen festgefahren, sind mir in den letzten Tagen unter den ersten Sonnenstrahlen begegnet. Das sind wohl nachdenklicher stimmenden Seiten des immerhin auch sehr späten Frühlings in diesem Jahr: Liebestoll wird ohne nach links und rechts zu gucken den Pheromonen und Lockrufen des anderen Geschlechts hinterher gejagt und dabei das Leben und die Zukunft riskiert.
Besser haben es da wir Menschen: Wir rennen zwar auch von Wand zu Wand, stehen vor den Beziehungsampeln des Lebens und in jedem neuen Liebesfrühling geht es uns wieder an den Kragen - aber zumindest werden wir nur von unseren Gefühlen überrollt, und nicht vom schicken BMW Z4. "Die Liebe ist ein seltsames Spiel" hat mal einer gesagt. Mag sein. Aber wenn Euch der Frühling mal wieder zu Kopf steigt: Immer gucken, ob kein Laster im Spiel ist!

Donnerstag, 2. April 2009

Gelesen: Cantharis vesicatoria sudanii – Abenteuer mit dem Sudankäfer

Abends im Bett noch was lesen, das hat was – insbesondere in düsteren Examenszeiten, in denen man wirklich froh ist, wenn man kurz vor dem Schlafen nochmal an was anderes denken darf als an Zweitwohnungssteuersatzungen oder Mängelgewährleistung.
Leider ist meine momentane Bettlektüre streckenweise fast genauso unansehlich: Haufenweise Päpste, Kardinäle, Könige und Kaiser, die dann auch noch alle aufs verschraubteste miteinander verwandt sind, ellenlange Monologe und eine nicht gerade besonders übersichtliche Handlung... die stinkenden Katakomben, in die es ab und zu einen mehr oder weniger aufheiternden Abstecher gibt, können die Strecken dieses historischen Romans leider auch nicht vergessen machen. Trotzdem habe ich es nun bis Seite 350 geschafft.
Aber dann habe ich mir etwas erlaubt, vor dem ich mit 17 wahrscheinlich entrüstet die Nase gerümpft hätte, da es ja ein bißchen etwas von Kapitulation hat, was mich aber mit 27 in wahre Begeisterungsräusche versetzt: die entspannende Zweitlektüre. Und die hatte es wirklich in sich!
Am letzten Wochenende machte ich mich nämlich zusammen mit Onkel Oswald auf die Suche nach einem Vermögen. Mister Oswald Cornelius ist ein gutaussehender, junger Mann von gerade mal 17 Jahren, als er sich auf den vagen Tipp eines Bekannte hin aufmacht, den geheimnisvollen Sudankäfer zu finden. Getrocknet und eingestampft als Pulver ist dieser sudanesische Ölkäfer nämlich das allergrößte Aphrodisiakum, dass man sich überhaupt vorstellen kann - einmal eingenommen, zwingt er tatsächlich das Opfer nach haargenau 9 Minuten, unbedingt der körperlichen Liebe frönen zu müssen. Seine Wirkung ist wirklich phänomenal und kann dazu über Stunden andauern!!! Das stellt auch der Held der Geschichte schon sehr bald fest, als er die erste Käferdosis mit Madame Nicole aus Paris auf ihre Wirkung hin überprüft. Dass Oswald bei seinen Reisen eine Spur von tausenden Frauenzimmern aus Bulgarien, China, Frankreich, Italien, der Türkei und auch sonst von jedem Ort der Welt hinter sich lässt, die er ausnahmslos alle von seinen unglaublichen Qualitäten als Liebhaber überzeugen kann – sogar ganz ohne Käfer - versteht sich von selbst. Aber dass er es auch noch schafft, sich mit Hilfe des ollen Käfers in sämtliche Königshäuser Europas zu katapultieren und dabei unfassbar reich wird, verschafft dem Leser denn doch besondere Genüsse, die mit einem entspannt-kulinarischen Voyeurismus einhergehen und dabei niemals ihren gewissen Witz vermissen lassen. Damit auch die Herren auf ihre Kosten kommen, wird Oswald bei der Jagd nach seinem Vermögen von der wunderschönen Halbperserin Yasmin begleitet, die herrlich anrüchig und dabei unglaublich schön ist. Ganz egal ob in London oder Spanien, bei welchem vorzüglichen Wein oder gebratenem Huhn - Yasmin und Oswald als eine Art Bonnie und Clyde auf der Jagd nach dem richtigen Samen lassen jedenfalls kein Techtelmechtel mit berühmten Persönlichkeiten aus. Und auch, wenn Schlitzohr Oswald mit den einen oder anderen Widrigkeiten zu kämpfen hat - am Ende läuft doch meistens alles nach seinen Vorstellungen.
Nach der Lektüre des Buches hat man jedenfalls selbst auch eine ordentliche Dosis Cantharis vesicatoria sudanii im Blut und ist in jedem Fall süchtig – nach Roald Dahl, dem Verfasser dieser unglaublichen Geschichte: "My Uncle Oswald" oder "Onkel Oswald und der Sudankäfer". Von Onkel Oswald existieren im Übrigen noch weitere Kurzgeschichten, die man unbedingt gelesen haben sollte.
Und wenn ich das nächste Mal in diesem Frühjahr unterwegs bin, werde ich mir gut überlegen, wem ich gerne mal eine stecknadelkopfgroße Prise vom Käferpulver unterjubeln würde...

Lieblingswort? was für eine Frage! -Sudankäfer natürlich!